Ein offenes Herz haben

Predigt am Heiligabend - Lesejahr A
L+Ev: Hl.Nacht
Rechtenbach 24.12.2004

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Bei der Werbung für Gastfamilien, die im kommenden Jahr Jugendliche, die den Weltjugendtag in Köln besuchen, aufnehmen sollen, hat sich das Weltjugendtagsbüro etwas besonderes einfallen lassen. Auf den Plakaten, die für die Gastgeberschaft motivieren sollen, ist eine Krippe abgebildet, die allerdings leer ist. Es fehlt nicht nur das Kind in der Krippe, es fehlen auch Maria und Josef, sowie alle Besucher, die wir von Krippendarstellungen kennen. Die Krippe und der Stall sind leer.
Warum?

Es könnte sein, dass die Heilige Familie noch gar nicht angekommen ist, sie sind vielleicht noch unterwegs.
Vielleicht aber bedeutet es auch, dass in diesem Stall zwar noch ein freier Platz ist, aber der Besitzer hat niemanden hineingelassen.

Im Lukasevangelium wird ganz nebenbei erwähnt, dass in der Herberge einfach kein Platz mehr war und deshalb das Kind in einer Krippe liegt. Gerade so, als ob gar nichts außergewöhnliches dabei ist, wenn ein Kind in einem Stall geboren wird. Es ging ja scheinbar auch so! Waren Maria und Josef sogar froh, dass sie in diesen Stall durften?

Beim letzten Adventsfenster, das wir besuchen konnten, wurde eine Geschichte vorgelesen, in der die Suche nach einer Herberge eine völlig ungewöhnliche Wendung nimmt. Bei einer Krippenfeier soll auch die Szene dargestellt werden, wie Maria und Josef an allen Herbergen abgewiesen werden. Die Aufführung funktioniert, bis plötzlich einen der Darsteller, der einen abweisenden Wirt spielt, noch während der Aufführung das schlechte Gewissen packt. Er geht den beiden, die Josef und Maria spielen, nach und bittet sie um Verzeihung, dass er so hartherzig war und bietet ihnen sein eigenes Bett an.
Einige, so heißt es in der Geschichte, fanden, dass der Junge das Krippenspiel versaut hat. Doch für die meisten war es das schönste Krippenspiel, das sie jemals gesehen hatten.

Es geht manchmal gar nicht  so sehr um die Qualität, was wir zu bieten haben. Ob wir den leeren Stall, das freistehende Gästezimmer oder gar unser eigenes Bett anbieten, die Hauptsache ist, dass wir unser Herz sprechen lassen.

In der Schule habe ich den Drittklässern beigebracht, dass die Gastfreundschaft für die Nomaden ein heiliges Gesetz ist, weil Speis und Trank in der Wüste lebensnotwendig ist. In den Wüsten unseres Lebens, die wir manchmal durchlaufen, sollten wir daher auch wieder die Gastfreundschaft als etwas besonderes und kostbares schätzen lernen.

Wir dürfen voreinander nicht die Türen verschlossen lassen, sondern müssen lernen uns wieder mehr füreinander zu öffnen.

Für Jesus war vor 2000 Jahren kein Platz. Das ist nicht nur Geschichte, sondern auch heute noch so: Für Jesus ist oft kein Platz.

Es schmerzt mich immer wieder zu sehen, wie vor allem junge Menschen immer häufiger aus der Kirche austreten. Viele machen das einfach so mal nebenbei, vielleicht sogar nur aus finanziellen Gründen, was ich noch viel trauriger finde.
In all unserem Planen und Vorsorgen für die Zukunft ist kein Platz mehr für Jesus. „Ja, es ist zwar ganz gut, wenn er da ist, aber ich brauch das nicht so für mich!“ Diese Gedanken scheinen immer mehr in sich zu tragen.
Es hilft uns aber nicht darüber zu jammern, sondern wir müssen daraus lernen und bei uns selbst dafür sorgen, dass wir Jesus nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.

In Jesus wird Gott Mensch und möchte so deutlich machen, dass er uns ganz nahe sein will, nahe in den Menschen, die uns suchen, die uns brauchen, die mit uns zusammen sein möchten.
Wenn im August zu uns Jugendliche aus der ganzen Welt kommen, dann sind auch wir herausgefordert, Jesus in ihnen zu sehen. Wir dürfen ihnen die Tür öffnen, damit sie nicht nach einem leer stehenden Stall suchen müssen. Wir sind dann Gastgeber für die Jugend der Welt und können so zu Menschen werden, die den Teufelskreislauf der vergeblichen Herbergssuche durchbrechen und wie der Junge im Theaterspiel unser Herz sprechen lassen und unsere Tür den anderen öffnen und das, was wir haben, miteinander teilen.

zurück zu den Predigten