Predigt am Ostersonntag 2003

 

Jesus, der auf dem Berg verklärt worden ist

Das 4. Gesätz im lichtreichen Rosenkranz erzählt von den 3 Jüngern, die mit Jesus auf einen Berg steigen, wo er direkt vor ihnen verklärt wird. Vor ihren Augen ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich, so dass sie ihn fast nicht mehr wiedererkannten.

Menschen, die wir gut kennen, sehen wir in bestimmten Situationen manchmal auch mit ganz anderen Augen, so dass wir sie beinahe nicht wiedererkennen.
Im vergangenen Jahr hatte ich kurz vor meinem Geburtstag mit meinem Bruder telefoniert, der in der Nähe von München wohnt. In diesem Telefonat erklärte er mir, dass er zu meiner Feier leider nicht kommen kann. Als ich dann an meinem Geburtstag unter der Vielzahl meiner Gäste plötzlich die Tür öffnete und vor mir meinen Neffen und meine Schwägerin sah, hatte ich zwei Sekunden gebraucht, um zu realisieren, wer da eigentlich vor mir steht. So sehr war ich überrascht, weil mir mein Bruder natürlich verheimlichte, dass sich doch noch kurzfristig die Möglichkeit zum Kommen ergeben hatte.

Die Anwesenheit meines Bruders bei meinem Geburtstag hat nicht in meinen Horizont gepasst, mein Denken hatte diese Möglichkeit bereits ausgeblendet. Es war für mich einen Augenblick nicht denkbar, dass es für sein Kommen noch eine Lösung gab.

Auf diesem ganzen Hintergrund ist auch zu verstehen, warum am leeren Grab Jesu Maria den geliebten Meister nicht wiedererkennt. Der lebendige Mensch, der da vor ihr steht, kann unmöglich Jesus sein. Dieses Gesicht, das ihr vielleicht sehr wohl bekannt ist als das Gesicht Jesu, sprengt ihr Denkvermögen. Logisch betrachtet kann dieser Mensch nur ein Gärtner sein.

Erst als Maria direkt angesprochen wird, gehen ihr die Augen auf. In einem Augenblick eröffnet sich ihr all das, was sie vielleicht im Stillen erhofft, aber nicht zu träumen gewagt hatte, als wahr. Ihr Meister, Jesus, ist wirklich der Sohn Gottes, dem nicht einmal die schlimmsten Grausamkeiten der Menschen, ja nicht einmal der Tod etwas anhaben kann.

Ganz anders als bei den Jüngern, die vom Glanz Jesu auf dem Berg der Verklärung fasziniert waren, aber eben noch nichts ahnten von der schrecklichen Realität des Kreuzes, ist in diesem Garten Maria noch gezeichnet von der Ohnmachtserfahrung des toten Jesus am Kreuz. Für fromme Schwärmereien eines auferstandenen Jesus hat sie nichts übrig.
Auch noch das leere Grab jagt ihr die Tränen in die Augen, weil sie trauert, dass Jesus nicht mal im Tod seine Ruhe vor den Grausamkeiten grabräubernder Menschen hat.
Selbst als sie Jesus ins Gesicht schaut, kann sie keinen Trost finden, erst als er sie beim Namen nennt, eröffnet sich ihr ein völlig neuer Horizont.

Jesus lebt, gestorben ist nur der Teufelskreis der Gewalt und der totalen Hoffnungslosigkeit. Sie spürt, die Liebe Gottes ist nicht zu zerstören und möchte sich jedem einzelnen Menschen zuwenden.
Jesus hat Maria bei ihrem Namen angesprochen und ihr so deutlich gemacht, für wen er ins Leben zurückgekehrt ist.

Wir dürfen sicher sein, dass er in seiner Auferstehung nicht nur diese eine Frau beim Namen angesprochen hat. Er wendet sich heute jedem von uns zu. Wir müssen uns nur in dem Vertrauen bestärken lassen, dass Gott jeden unserer Wege mitgeht und mit seinem Glanz das Licht auf unserem Weg sein will.

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