Mit „Jesus-Mangel“ leben!

Predigt am 5. Sonntag i. Jhrkr. - Lesejahr B
Rechtenbach – 5.2.2006
Lesung: 1 Kor 9, 16-19.22-23 / Evangelium: Mk 1, 29-39


Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüdern!

Es gibt Menschen, die haben einfach eine ganz besondere 
Ausstrahlung.
In meiner Kaplanszeit in Bad Kissingen gab es für die dortigen 
Pfadfinder einen Hauptverantwortlichen, über den einer mir gegenüber 
sagte: „Wenn der sich für die Kommunisten engagieren würde, wären 
sie alle statt Pfadfindern Kommunisten.“

Genau diese Aussage zeigt aber schon sehr deutlich, welche Stärken 
und welche Schwächen in der Fixierung auf eine Person liegen 
können.

Ein Mensch kann mitreißend und begeisternd sein. Er kann andere 
führen und ihnen Wege aufzeigen. Wenn er aber zu sehr in sich selbst 
verliebt ist, kann er die Menschen auch auf einen Weg führen, den sie 
in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gehen wollen. Nur dieser 
charismatischen Persönlichkeit zuliebe gehen sie mit.

Welches Kriterium müssen wir also ansetzen, um uns nicht blind 
Persönlichkeiten anzuvertrauen, die uns am Ende gar nicht gut tun, 
die uns verbiegen um ihrer eigenen Selbstverherrlichung willen?

Jesus hat Menschen geheilt. Er hat ihnen da eine neue Perspektive
geschenkt, wo keiner auch nur einen Pfifferling auf ein wertvolles
Leben und auf das Erreichen des persönlichen Glücks gewettet hätte.
Kein Wunder, dass er mit solchem Engagement die Menschen in
Scharen anlockt. Es scheint etwas für den Einzelnen
herauszuspringen, wen er sich auf Jesus einlässt.
Aber genau in dem Augenblick, als Jesus die Menschen ins Herz
getroffen hat und wie ein Magnet an sich zieht, tritt er den Rückzug
an.
Er lässt sich nicht auf einen Altar stellen und als großen Guru und
Wunderheiler verehren. Er zieht sich zum Gebet zurück und versteckt
sich sogar, um Zeit zu haben für die Verbindung mit dem Vater und
Kraft zur weiteren Predigt aufzutanken.

Dass Jesus sogar regelrecht ein Versteck gesucht hat, erkennt man
schon daran, dass sein engster Jüngerkreis schon eine zeitlang nach
ihm suchen muss, weil nicht einmal sie wussten, wo er sich aufhält.

„Alle suchen dich!“ Diese Feststellung der Jünger kann der nüchterne
Bericht einer Tatsache sein, es könnte aber auch einfach ein Vorwurf
an Jesus sein:
Jetzt wo du auf dem Zenit bist, wo alle deine Nähe suchen, da ziehst
du dich zurück. Jetzt musst du doch das Wort ergreifen, die Menschen
hören auf dich!

Die Menschen, die Jesus aufsuchen, weil sie sich nach Heilung sehnen
erleben im verzweifelten Warten auf Jesus so etwas wie einen ersten
„Priestermangel“. Sie suchen den, der sich um sie sorgt, ihren
sogenannten Seelsorger, aber er ist nicht da.

Dieser Priestermangel ist damals ein Jesus-Mangel, denn es gibt nur diesen 
einen und er kann nicht für jeden in seiner körperlichen Gegenwart da sein.

Jesus geht sogar einen Schritt weiter, er löst diesen „Jesus-Mangel“ nicht 
auf, in dem er nach Kafarnaum zurückgeht, sondern er kündigt an, dass er 
woanders hingeht, weil er auch dort gebraucht wird.

Das zeichnet wohl die echte Persönlichkeit aus: Jesus weiß, dass er den 
Samen gepflanzt hat. Er geht, wenn er denn auf fruchtbaren Boden 
gefallen ist, auch ohne ihn auf. In Kafarnaum wird er nicht mehr 
gebraucht, es geht dort ohne ihn weiter, die Menschen müssen dort 
selber in die Verantwortung einsteigen.

In Kafarnaum, aber auch heute in unseren Dörfern, Pfarreien und 
Ortschaften sind nun Persönlichkeiten gefragt, die den jesuanischen 
Geist lebendig halten, die nicht sich selbst in die Mitte stellen, sondern 
immer wieder deutlich machen, dass alles Engament nicht einem 
Selbstzweck unterstellt ist, sondern ein Dienst an der Allgemeinheit ist.

Wenn alle unkritisch dem hinterherlaufen, wozu ein einzelner sie führt, 
ist das sicher nicht im Geist Jesu. Wer als Persönlichkeit einer Gruppe 
vorangeht zeichnet sich dadurch aus, dass er immer wieder einmal 
den Rückzug antritt und dabei den Weg nach innen sucht. Jesus 
selber hat sein Wirken aus dem lebendigen Dialog mit dem Vater 
gestaltet und wird für uns somit zum Muster für unser Engagement.

Ein Mangel an Jesus soll uns nicht zum Jammern hinführen, sondern 
uns in der Lethargie zu einem neuen Selbstbewusstsein bringen, das 
stets genährt wird aus einer lebendigen Beziehung zu Gott.

Es macht eben schon einen Unterschied, ob eine Person, die andere 
begeistern kann, das zur eigenen Selbstbeweihräucherung tut – vielleicht 
sogar, um zu testen, wie die anderen ihm blind hinterher rennen – oder 
aus der ehrlichen Sorge um das Glück und Heil der Mitmenschen.

Denn das wahre Glück und die echte innere Heilung wird jeder Mensch 
nicht allein aus sich selbst erfahren, sondern nur in einer Beziehung zu 
Gott, die ihn im Herzen trifft und ihn zu etwas Besonderem macht.
Was den Menschen wirklich groß werden lässt, das ist die Liebe Gottes 
in jedem Einzelnen. Eine Liebe, die dafür sorgt, dass jeder Mensch eine 
einmalige, wertvolle Persönlichkeit ist und aus diesem neuen
Selbstbewusstsein heraus seinen Weg zum Heil finden kann.

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