"Hochleistungssportler der Verweigerung"

Predigt am 13. Sonntag i. Jhrkr. - Lesejahr A
Rechtenbach 26.06.2005

Lesung: 2 Kön 4, 8-16 Evangelium: Mt 10, 37-42

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Kann man in der heutigen Zeit zölibatär leben und die Liebe zu Gott an erste Stelle setzen? In einer Gesellschaft, in der v.a. völlig frei gelebte Sexualität als das Non plus ultra des Lebens dargestellt wird, scheint es besonders schwer zu vermitteln zu sein, dass man an diesem Punkt auch Verzicht üben kann ohne dabei als Mensch völlig vor die Hunde zu gehen.

Aber immer häufiger bekommt die Begeisterung über die sexuelle Freiheit einen Dämpfer, weil doch viele spüren, dass jede Freiheit irgendwann an ihre Grenzen stößt. Interessant finde ich dazu ein Interview im Spiegel vor einigen Wochen mit dem Philosophen Rüdiger Safranski, der sagte: „Wenn heutzutage Sexualität Breitensport ist, dann ist es doch schön, wenn es auch Hochleistungssportler der Verweigerung gibt.“

Der gelungene Zölibat lebt allerdings nicht einfach nur von der Verweigerung, sondern in erster Linie von der positiven Motivation. Jesus selber macht das deutlich, wenn er feststellt, dass der, der sein Leben scheinbar verliert, es erst gewinnen wird.

Das Leben im Zölibat, in der Ehelosigkeit scheint für viele heute immer noch eine Art Selbstaufgabe zu sein. Das wäre es wohl auch, wenn wir als zölibatär lebende nicht die totale Leidenschaft für Gott hätten.

Leidenschaft für Gott, sich ganz und gar, mit Haut und Haaren in seinen Bann ziehen lassen, das färbt ab auf das ganze Leben. Und ich hoffe, dass man diese Leidenschaft für Gott immer wieder spüren und erfahren kann.

Jesus stellt diese größere Leidenschaft und Verbundenheit für Gott bei denen fest, die sich ganz in seine Nachfolge verschreiben. Gott selber steckt in ihnen so sehr drin, dass jeder, der mit diesen Gottverbundenen in Berührung kommt, Gott selber erfahren darf und kann.

Erstaunlich dabei ist, dass es bei diesem hohen Anspruch, unter dem wir als Priester leben, dennoch erst einen einzigen Pfarrer gibt, der heilig gesprochen wurde, der Heilige Pfarrer von Ars. Natürlich gibt es noch viele Priester und Ordensleute, die selig und heilig sind, aber unter den Pfarrern mangelt es noch.

Liegt es daran, weil sie zu sehr mit weltlichen Dingen belastet sind? Liegt es daran, dass die Strahlkraft eines Lebens im Zölibat ganz für Gott in den alltäglichen Sorgen der Menschen verblasst?

Ich denke einfach, dass die Kirche heute mit einem neuen Selbstbewusstsein für ihre Werte gerade stehen muss. Die totale Liebe zu Gott ist zwar kein materiell messbarer Wert, aber ein Schatz, der wieder ganz neu zu entdecken ist.

Unser Glaube an Gott hält nicht nur Streicheleinheiten bereit, er fordert auch zur bewussten Annahme des Kreuzes heraus. Nur wer sein Kreuz auf sich nimmt, wird zur Fülle des Lebens finden. Das Leben lässt sich nicht einfach glatt bügeln. Viele Erfahrungen fordern mich heraus. Ich muss lernen mich diesen Herausforderungen auch zu stellen.

Hans Conrad Zander schreibt in seinem Buch „Zehn Argumente für den Zölibat“: „Der Zölibat mag ein Joch sein. Doch dieses Joch ist erträglich. Die Ehe ist auch ein Joch. Auch dieses Joch ist erträglich.“ Damit stellt er fest, dass viele Situationen und Lebensentscheidungen jeden von uns herausfordern. Ich kann mich dem stellen oder auch fliehen. Auf jeden Fall darf man nicht die eine Lebensentscheidung gegen die andere ausspielen.

Wir leben davon, dass wir wieder eine größere Offenheit füreinander entdecken. Die Priester, die in ihrer Lebensform Ehe und Familie als wichtiges Fundament für unsere Gesellschaft schätzen. Genauso notwendig aber ist auch die Wertschätzung des ehelosen Lebens um des Himmelreiches willen im Zölibat der Priester und Ordensleute durch die Gesellschaft und vor allem durch die Familien.

Ehe und Familie brauchen sogar ein glaubwürdig gelebtes eheloses Zeugnis, damit das Vertrauen in eine gelingende Beziehung und Partnerschaft trotz vieler Scheidungen und Beziehungskrisen nicht total zerbricht.

Für mich ist die Beziehung zu Gott in meinem Leben als Priester die zentrale Mitte. Auch ohne seinen Namen ständig im Mund zu führen ist er bei all meinen menschlichen Grenzen immer in meinem Herzen. Es ist die totale Leidenschaft zu ihm, die mich immer wieder zu den Menschen führt und mir Mut macht, an die Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Treue im menschlichen Miteinander selbst dann noch zu glauben, wenn sie scheinbar meilenweit entfernt ist.

In einer Reihen-Untersuchung stellt der amerikanische Mediziner Sheldon Fellman fest, dass etwa jeder dreißigste Mann ehelos und keusch lebt und dass es sich gerade bei diesen Männern um besonders aktive und schöpferische Typen handelt.

Um Jesu willen verzichten heißt eben gewinnen. Wer diesen Gewinn schätzt und achtet, der wird auch von dem Reichtum profitieren, der aus der Leidenschaft für Gott erwächst. Wer die Lebensform des anderen achtet und ehrt, der wird – so sagt es uns Jesus selber – nicht um seinen Lohn kommen.

 

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