Predigt zum Hochfest
Mit seinem Schatten leben lernen!

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder,

die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus stehen eigentlich immer im Glanz ihrer Heiligkeit vor uns. Aber immer da wo ein großer Glanz ist, immer da wo viel Licht ist, da wissen wir aus Erfahrung natürlich, da kann der Schatten nicht weit sein.
Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, dann werden wir sicherlich auch so manche lichtvolle Elemente entdecken. Hochfeste oder HOCH-Zeiten, vielleicht auch die eigene Hochzeit und werden uns freuen über das Schöne, das wir damit verbinden.
Genauso finden wir aber in unserer eigenen Lebensbiographie immer wieder auch Schatten. Wir entdecken Ereignisse, Erfahrungen, die unser Leben dunkel machen, die manchmal vielleicht auch wie eine dicke breite fette Narbe sich über unsere Biographie hinwegziehen, mit denen wir manchmal heute noch nicht fertig werden.
Heilige werden als Lichtgestalten erlebt, bei denen man ganz gerne und nur zu leicht übersieht, dass auch sie Schatten in ihrem Leben integrieren mussten.
Gerade Petrus und Paulus sind da zwei ausgezeichnete Beispiele. Fangen wir einfach mal mit Petrus an: Im Evangelium haben wir das Messiasbekenntnis gehört: „ Du bist der Messias!“
Jesus wollte genau das von ihm hören, aber er machte einen kleinen Vermerk dazu: „Das kommt nicht aus dir heraus, dass du dieses Messiasbekenntnis aussprichst. Nicht weil du ein toller Mensch bist oder weil du so genial bist, Petrus, nicht weil du als einziger begreifst, wer ich eigentlich bin, nicht deswegen sagst du das, sondern nur weil Gott seber dir das offenbart hat. Du bist gar nicht so toll, wie du sein müsstest, um all das zu fassen und zu begreifen.“
Diese Bemerkung Jesu versteht Petrus in diesem Augenblick sicherlich nicht. Verstehen kann er es erst dann, als er später sagt: „Niemals, und wenn alle an dir Anstoß nehmen werden, niemals werde ich dich verleugnen - nie“. Doch muss auch ein Petrus schmerzvoll zur Kenntnis nehmen, dass ihm die verleugnenden Worte über die Lippen rutschen: „Ich kenne diesen Menschen nicht“.
Was muss das für ein fürchterlicher Schmerz für diesen einfachen Mann Petrus gewesen sein, der doch eigentlich immer in voller Inbrunst und mit dem Ton der letzten Überzeugung deutlich gemacht hat: „Ich stehe zu dir Jesus, ich bin voll bei dir. Du kannst hundertprozentig, tausendprozentig auf mich zählen!“ Ausgerechnet er sagt: „Ich kenne diesen Menschen nicht, ich hab nichts mit ihm zu tun gehabt, ich weiß nicht was ihr von mir wollt.“
Was für ein Schmerz für Petrus, der diesen Schmerz in seinem Leben wahrscheinlich nie ganz losgeworden ist. Er hat Jesus, seinen geliebten Meister verleugnet.

Von Paulus hören wir immer wieder wie er versuchte die Kirche zu vernichten als er noch Saulus hieß. Er wütete mit Drohung und Mord und als jüdischer Gelehrter hat er all seine Intelligenz einzusetzen versucht, um diese Christen endgültig zu vernichten und auszumerzen, damit „diese Sekte“ nicht mehr existiert.

Bis zu dem Punkt als Saulus zu Paulus geworden ist. Als er vom Pferd, von seinem hohen Ross, mit Gewalt heruntergezerrt und heruntergeholt worden ist und begriffen hat, was er da eigentlich tut.
Auch Paulus denkt in seiner weiteren Biographie immer wieder mit Schmerz an diese Zeit zurück, als er vor dem Aufbau christlicher Gemeinden zunächst alles dafür getan hat, um sie zu zerschlagen, um sie zu vernichten oder es gar nicht erst zum Aufbau kommen zu lassen. Von sich selber spricht er deshalb auch einmal von einer Missgeburt: „Was bin ich im Grunde genommen schon wert? Ich bin doch einer, der alles zunichte machen wollte. Ich kann noch froh sein, dass Gott mich rausgeholt hat aus diesem Dreck, aus diesem Schlamm.“

Wie gehen nun Petrus und Paulus mit ihren Schattenseiten um, mit dem, was sie auch in ihrem späteren Leben immer wieder runterziehen mag, sie traurig macht, sie belastet? Einen ganz guten Hinweis erhalten wir in der Lesung, in der von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis erzählt wird.

Da spüren wir schon, dass er wohl dazugelernt hat. Petrus vorher der einfache Fischer, der gedacht hat, das geht und das geht nicht, so einfach ist das Leben: Mögliches mach ich - Unmögliches geht eh nicht.
Aber da hat Jesus ihm vor Augen geführt, wie schier Unmögliches durch ihn immer wieder möglich geworden ist. Dennoch: so ganz begreifen konnte er das nicht. Es ist noch nicht in ihn hineingedrungen, nicht ins Herz eingezogen. Erst dann, als ihm schmerzlich bewusst geworden ist, wie er scheinbar Unmögliches von sich verlangt hat, in einer schwierigen Situation zu Jesus zu stehen und er da auch noch versagt hat, da hat er gewusst, es kommt halt nicht nur auf das Machbare an, das ich alleine leisten kann.
Denn ich alleine kann eigentlich nichts machen. Wenn ich für mich steh, was bin ich da schon? Ein Häufchen Elend und als solches habe ich mich ja auch bewiesen, als Jesus am Kreuz starb.
Petrus hat gelernt auf Gott zu vertrauen und beinahe wie selbstverständlich nimmt er das Geschenk Gottes an, dass hier mitten im Gefängnis, wo er ganz vorzüglich bewacht worden ist und überhaupt keine Chance war irgendwie auszubrechen der Engel Gottes zu ihm kommt und ihn mitnimmt. Für Petrus fast schon eine Selbstverständlichkeit, aber nicht weil er irgendwie denkt – na klar – ich hab’s ja verdient, dass Gott mich hier befreit, sondern weil er weiß: Wenn Gott ihn führt, dann führt er ihn auch da, wo es scheinbar keine Rettung mehr gibt.
Jetzt hat er es auch im Innern begriffen, dass Unmögliches immer wieder möglich werden kann. Und er macht auch vor allem noch einmal diese Engelserfahrung – ich bin im Grunde genommen nie ganz verlassen – ich bin nie ganz auf mich alleine gestellt – ich habe immer Gott an meiner Seite. Ich kann mit meinen Schatten nicht deswegen gut umgehen, weil ich persönlich mit meinen Schatten gut umgehen kann, weil ich die schon verarbeitet habe, nicht ich, sondern weil Gott mich einfach entlastet. Ich kann Gott meinen Schatten geben und er verarbeitet das. Ich selber hab gar nicht so viel Kraft so was zu schaffen.
Als Petrus das verstanden hat, da hat ihm das zwar immer noch weh getan, es war immer noch eine Narbe zurückgeblieben, aber sie hatte eine Chance zu heilen.
Wir selber können unsere Wunden nicht heilen. Wir können etwas dazutun, dass der Heilungsprozess voranschreitet. Die Heilung kommt aber nicht aus uns allein.
Paulus, was macht er mit seinem Schatten, was macht er mit seiner dunklen und düsteren Vergangenheit? Den Ehrgeiz und Eifer, den er hatte im Zerstören, diesen Ehrgeiz und diesen Eifer nutzt er jetzt einfach zum Aufbau. Er nutzt seine Möglichkeit, seine Fähigkeit um Menschen für Gott anzusprechen, um sie zu begeistern.
Und es ist auch eine ganz interessante Facette, dass ich nicht jammere und klage über das was dunkel ist in meinem Leben, über meine Schattenseiten, über meine negativen Eigenschaften, sondern dass ich mir viel eher überlege, wie kann es mir gelingen, dass ich diese Schattenseiten so in mein Leben integriere, dass sie sich sogar positiv auswirken.
Manche negative Leidenschaft lässt sich nicht wegmachen oder einfach ausradieren. Ich muss versuchen sie zu veredeln. Ich muss versuchen diese Leidenschaften zu nutzen als positive Leidenschaft. So kann Schatten zum Licht werden.
Genau das versucht Paulus und er spürt natürlich auch wie schwierig es ist gerade auch im Aufbau der Gemeinden. Wie er immer wieder auch mal schimpft, wenn die eine oder andere Gemeinde aus der Reihe tanzt, weil er einfach spürt, dass es immer wieder so viele Quertreiber gibt, die das was er aufgebaut hat wieder zunichte machen.
Aber er spürt eben: Ich muss vor allem versuchen im Kleinen treu zu sein. Gerade auch im Gespräch mit Einzelnen, da bin ich herausgefordert.

Liebe Schwestern und Brüdern, wir können von Petrus und Paulus ganz gut lernen, wie es uns vielleicht gelingen kann, mit unseren Schatten, wenn nicht perfekt aber so doch einigermaßen umzugehen. Da ist zum Einen das sich fallen lassen können in Gott hinein. Nicht nur zu glauben ich kann selber alles richtig machen. Ich muss eben nicht perfekt sein, im Gegenteil, mein Perfektionismus kann mich manchmal fertig machen. Mein Perfektionismus kann mir etwas Sand in die Augen träufeln und mir das Gefühl geben „ich kann schon alles selber machen.“ Nein, ich mach’s lieber selber, dann ist es auch richtig gemacht. Das ist die Gefahr des Perfektionismus.
Vertrauen auf Gott zu haben, heißt auch Vertrauen zu anderen Menschen zu haben. Ich kann eben nicht nur alles alleine gut, auch andere sind da, die Fähigkeiten besitzen. Das machen diese beiden uns deutlich.
Wir brauchen auch nicht klagen über den Schatten und über die Dunkelheit. Wir können vielmehr versuchen das Licht in allen Dingen zu sehen. Und wenn dieses Licht noch so schwach leuchtet und noch so klein ist, aber das wäre eine Chance mit dem Schatten umzugehen. Sonst erdrückt uns eben die Dunkelheit in unserem Leben.
Schließlich und das ist genau das was Petrus und Paulus vor allem auszeichnet: Nicht rückwärts schauen, nicht gucken was war da mal oder was hat der mir mal angetan oder was ist mir da mal passiert. Wenn ich immer nur rückwärts schau´, verbieg ich mir den Hals und das ist nicht gut für die Gesundheit. Wir können von Petrus und Paulus lernen nach vorne zu schauen, nicht dauernd zu klagen, „was hab ich nur getan ich böser Mensch“, „ich hab Jesus verleugnet, ich hab die ganzen Gemeinden zerstören wollen“. Das bringt mich nicht vorwärts, dass hält mich immer nur auf. Das sind die Fesseln, die wir uns manchmal selber auflegen. Nach vorne schauen und zu vertrauen dass Gott mir hilft. Das ist das, was uns helfen kann mit unserem Schatten umzugehen.
Das Licht zu sehen, da, wo der Schatten manchmal überhand hat. Dass wir uns fallen lassen können in Gott hinein. Dass wir darauf vertrauen dass er uns begleitet auf unserem Weg nach vorne in die Zukunft hinein.