"Haben sie was zu trinken für mich?"

Predigt am 26. Sonntag i. Jhrkr. - Lesejahr A
Rechtenbach  25.9.2005 (Thema: Caritas)

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Es passiert immer wieder mal, dass Menschen den Weg zum Pfarrhaus finden in der Hoffnung, dass sie dort Hilfe erwarten können. Es lassen sich dabei oft sehr schnell diejenigen, die in betrügerischer Absicht kommen von denen trennen, die wirklich in Not sind.
Wer Hilfe braucht, dem kann man auch ohne Geld helfen: ein Benzingutschein, ein Telefonat, etwas zum Essen oder Trinken, oder auch mal eine heiße Tasse Kaffee.

Oft erzählen mir die Hilfesuchenden, dass sie schon woanders waren und aufs Pfarrhaus verwiesen wurden.
Ich finde es gut, wenn man weiß, dass im Pfarrhaus Hilfe zu erwarten ist. Allerdings habe ich manchmal auch den Eindruck, dass es sehr viel leichter wäre, selber kleine Hilfeleistungen zu erbringen.

Auf unserem Weg nach Köln kamen wir an einem sehr heißen Nachmittag in einem Dorf an, in dem am Nachmittag nicht ein Geschäft offen hatte und es auch sehr lange dauerte bis wir jemand auf der Straße getroffen haben. Als uns dann der Weg zu einem angeblich offenen Geschäft angesichts der Hitze unendlich lang schien, fragte ich einfach einen Mann, der entspannt am Gartenzaun stand, ob er uns nicht in unserer Not zwei Flaschen Wasser verkaufen könnte. Bedauernd stellte er fest, dass er im Augenblick zuhause nichts mehr hätte.
Die offensichtlich faule Ausrede hat mich spüren lassen, wie es wohl Menschen geht, die um solch eine Hilfeleistung auch noch betteln müssen, weil sie keine Chance haben, sich mit Geld etwas zu erwerben.

Das entscheidende Stichwort für uns Christen heißt hier Caritas. Damit ist nicht nur die kirchliche Organisation gemeint, die sich um alle möglichen Menschen in problematischen Situationen kümmert.
Caritas heißt Liebe und fordert jeden von uns zum christlichen Handeln aus der Nächstenliebe heraus.

Oftmals ist es bestimmt nicht unser Unvermögen, das uns davon abhält, anderen zu helfen. Es ist uns manchmal einfach zuviel, in der Mittagshitze den bequemen Platz am Gartenzaun zu verlassen, um einem anderen Menschen Erleichterung zu verschaffen.

Der Weinbergsbesitzer, von dem Jesus heute im Evangelium gesprochen hat, scheint bislang seine beiden Söhne wohl recht gut verwöhnt zu haben. Es war bislang nicht nötig, dass sie anpackten. Es genügte, dass sie von Beruf Sohn waren. Aber jetzt forderten die aktuellen Umstände ihre Hilfe heraus. Die Unterschiedlichkeit der Söhne macht schon ihre Erwiderung deutlich.

Der eine wollte selbstverständlich wie immer das tun, was der Vater von ihm verlangte. Er war der Ordentliche, der tat, was sein Vater wollte. Erst beim zweiten Nachdenken merkte er, dass jetzt der Vater etwas von ihm abverlangte, das ihm auch etwas kostete, Arbeit und Mühe. Solange die Forderungen des Vaters wenig oder nichts von ihm abverlangten, war es kein Problem, das zu tun, was er wollte. Aber im Weinberg zu arbeiten, das konnte er nicht ernsthaft gemeint haben. „Der wird mir nicht böse sein, wenn ich nicht hingehe, das war doch nur ein Scherz. So was hab ich doch nicht nötig, dafür sind doch andere da!“ Dem JA im Reden, folgt ein Nein im Handeln.

Der zweite Sohn war wohl schon immer etwas aufsässiger und schwieriger gewesen. Deshalb wurde er wohl auch erst als zweites gefragt mit der Befürchtung, dass er wie immer auf stur schaltet. Und so geschah es auch. Der andere Sohn war kein Ja Sager, der immer nur das tat, was man von ihm verlangte. Die Arbeit im Weinberg war nicht seine Aufgabe, also sah er auch nicht ein, warum er eventuell im Ausgleich für die Faulheit anderer etwas tun sollte.

Aber an diesem Sohn nagte das Gewissen. Er wusste um seine Fehler und Schwachstellen. Er hat in seinem Leben immer wieder erfahren dürfen, wie der großzügige Umgang seines Vaters mit ihm, ihm selber viel Freiheit und persönlichen Gestaltungsspielraum ermöglicht hat. Vielleicht war es jetzt doch mal an der Zeit, nicht immer nur anzunehmen, sondern auch mal herzugeben. Oft genug hat er von seinem Vater unverdient viele Geschenke erhalten. Er sah sich herausgefordert und ging schließlich doch in den Weinberg.

Liebe Schwestern und Brüder, sind wir die Gerechten, bei denen alles gerade verläuft, die es nicht nötig haben, sich die Hände einmal schmutzig zu machen? Läuft bei uns alles nur in geregelten Bahnen und haben wir es nicht nötig, uns manchmal durch den einen oder anderen Hilferuf aus der Bahn bringen zu lassen?

Caritatives Wirken beginnt nicht erst, wenn bei uns einer an der Haustür klingelt und eine Hilfeleistung braucht, oder wir zu einer Spende für die Caritas aufgerufen sind.
Caritas - Liebe - heißt innerlich bereit sein, sich oftmals in ganz kleinen, scheinbar unbedeutenden Situationen vom geplanten Kurs abbringen zu lassen.

Vielen genügt es schon, wenn sie von ihrem Mitmenschen Aufmerksamkeit erfahren dürfen. Es genügt schon eine unbedeutende Hilfeleistung, die man ohne Gegenleistung geschenkt bekommt. Es reicht oft schon in seiner knapp bemessenen Zeit, wenn man ein paar Minuten aufbringt, um dem andern zuzuhören.

„Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes.“ Harte Worte spricht uns da Jesus zu. Zöllner und Dirnen stehen hier symbolisch für Menschen, die sich irgendwie in Schuld verstrickt haben.
Wir alle sind wohl irgendwie in Schuld verstrickt, in kleinen oder manchmal auch in großen Dingen.
Die Großzügigkeit, in der Gott mit unserer Schuld umgeht, können wir als sündige Menschen in unserem Alltag immer wieder verschenken, durch die Art wie wir
miteinander umgehen: sei es durch eine Spende für die Caritas, die in diesen Tagen wieder sammelt, oder durch ein offenes Ohr füreinander oder auch durch eine Flasche Wasser und ein belegtes Brot für den nächsten Menschen, der an meiner Haustür klingelt.

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