Eine verweichlichte Gesellschaft????

Predigt am 24. Sonntag i. Jhrkr. - Lesejahr B

Rechtenbach 14.9.2003


Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Uns geht es heute vielleicht zu gut! Betrachten wir doch mal ganz ehrlich unser Leben:
In fast allen Haushalten gibt es ein Auto. Beinahe jeder macht schon mit 18 seinen Führerschein. Bei einer großen Zahl junger Leute steht dann das Auto sogar schon zuhause bereit.
Wer arbeitslos wird, braucht nicht zu fürchten, dass er auf der Strasse sitzt und verhungern muß. Auch Menschen, die plötzlich krank werden, verlieren nicht gleich den Arbeitsplatz, weil unser soziales Sicherungssystem trotz mancher Schwächen, immer noch vieles auffangen kann.
Uns geht es so gut, dass wir mittlerweile sogar den Vergleich mit den ärmeren Ländern scheuen, um uns nur ja nicht mit unserem schlechten Gewissen herumplagen zu müssen. Es gibt Länder, in denen die Menschen genauso schwer arbeiten wie die Menschen in Deutschland, aber einen minimalen Bruchteil dessen dafür erhalten was bei uns selbstverständlich ist.


Dieses Wohlsein in unserem Land wird für uns aber allmählich zu einer Bedrohung. Vieles von dem, das uns das Leben erleichtert, wissen wir schon gar nicht mehr zu schätzen, es scheint selbstverständlich. Die Probleme mit denen wir zu kämpfen haben, sind zum größten Teil nicht materieller Art. Wir haben eher immer öfter das Problem, dass wir mit nichts zufrieden sind. Wir wollen immer mehr und erwarten dazu Initiative von außen und sind gleichzeitig immer weniger bereit, selber etwas zu geben oder zu tun.

Wenn wir uns dann heute im Evangelium anhören müssen, dass Jesus von uns verlangt, unser Kreuz auf uns zu nehmen, was denken wir uns dann eigentlich dabei?
Sind wir überhaupt noch belastbar für irgendwelche Schwierigkeiten? Wären wir überhaupt fähig, Leid und Elend zu ertragen, oder sind wir dazu schon viel zu verweichlicht?
Wir jammern und klagen über kleinste Problemchen, streiten uns mit den Nachbarn und Mitmenschen über Lappalien, regen uns auf über viele Kleinigkeiten und stressen uns mit Beziehungsproblemen.
Und Jesus sagt uns: Nehmt euer Kreuz auf euch!
Ja wie, soll ich etwa nachgeben, wo ich doch im Recht bin? Der andere provoziert mich doch schon die ganze Zeit, der will sich doch mit mir anlegen! Und überhaupt, ich lass mich doch nicht für blöd verkaufen, wie steh ich denn sonst da?

Unwichtiges wird wichtig, und so lässt man eine wertvolle Beziehung gerne mal in die Brüche gehen, nur um am Ende gut dazustehen. Wir sind halt oft nicht fähig, auch mal nachzugeben. Es fällt uns schwer, uns selber zu überwinden und Dinge zu tun, die uns unangenehm sind.
Wir denken kurzfristig an unseren Vorteil und merken nicht, wie langfristig vieles an unserem Egoismus zugrunde geht.

Vereine werden aufgelöst, weil keiner mehr Verantwortung übernehmen will: „Ich bin doch nicht blöd, und mach den Depp für die anderen!“ (bekommt man oft zu hören) Unsere Eitelkeiten und persönlichen Verletztheiten hindern uns immer wieder daran, Verantwortung für eine Gemeinschaft oder eine Gruppe zu übernehmen, weil wir uns immer wieder der Gefahr ausgesetzt sehen, dass wir Angriffsfläche bieten.

Gottseidank aber gibt es unter uns immer noch genügend Menschen, die ihre persönliche Selbstverwirklichung und die Befriedigung aller Eitelkeiten zum Wohl anderer hintenan stellen.
Ich bin immer wieder fasziniert von den Menschen, die sich ganz reinhängen in die Pflege kranker Menschen zuhause. Ich bin fasziniert von den Vereinsvorständen und Politikern, die sich nicht von dauernder besserwisserischer Kritik ihr Engagement madig machen lassen. Man nennt das Frustrationstoleranz, wenn einer etwas einstecken kann und sich nicht in seiner Persönlichkeit und seinem Charakter verbiegen lässt.
Jesus nennt das: Sein Kreuz auf sich nehmen, Schwierigkeiten ertragen im Vertrauen auf die Führung Gottes, der mir auch in dem Müll und den Belastungen meines Lebens den richtigen Weg für mich zeigt.

Der Apostel Petrus, der Jesus zur Seite nimmt und ihm Vorwürfe macht wegen seiner Einstellung zu Kreuz und Leid, bekommt eine deutliche Abfuhr. Leben gelingt eben nicht nur dann, wenn immer alles eitel Sonnenschein ist.
Auch in einer verwöhnten Gesellschaft kommen wir nicht an echt leidvollen Erfahrungen vorbei. Wer sich nur den bequemsten Weg aussucht, den Weg des geringsten Widerstands und der totalen Sebstverwirklichung ohne einen Hauch von Selbstaufopferung, der geht nicht den Weg Jesu und der geht wohl auch einen falschen Weg.

Wir brauchen aber vor dem, was an Leid, Selbstverleugnung und schwierigen Erfahrungen in unserem Leben auf uns wartet, nicht vor Angst zu erstarren, sondern dürfen darauf vertrauen, dass der Schatten und die Dunkelheit uns als Mensch reifen lässt und zu einer starken Persönlichkeit formt.
Wir dürfen darauf  vertrauen, weil es Jesus auch nicht beim Tod am Kreuz gelassen hat. Mit seiner Auferstehung ist er uns einen Schritt voraus und stellt uns somit eindringlich vor Augen, dass der Weg zum eigentlichen Leben nur über den Tod führt.
Wir müssen sterben im Selbstmitleid, in der Eitelkeit, im Egoismus, um dann als Menschen innerlich zu wachsen und in einem in Gott erneuertem Selbstbewusstsein zu einem neuen Leben aufzuerstehen.

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