Eine unsaubere Liebe

Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag - Lesejahr C
L+Ev: am Morgen
Rechtenbach 25.12.2003

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist für manche eine sehr unangenehme Begleiterscheinung, wenn sie bei einem Besuch im Krankenhaus auf den typischen Geruch der Sterilität treffen.
Für manche einen ist das sogar ein Grund, sich um einen Patientenbesuch zu drücken, weil er angeblich den Geruch nicht vertragen kann.
Es kann aber auch sehr unangenehm sein, wenn man mit Menschen zu tun hat, die in ihrer Armseligkeit jegliche Hygiene vermissen lassen und durch ihren Geruch eher abstoßend wirken.
Wer gut duftet, wirkt attraktiv – wenn er oder sie es mit der Menge nicht übertreibt. Wer darauf absolut keinen Wert legt, wird Schwierigkeiten haben, bei den Menschen akzeptiert zu werden.

Welcher Geruch hat aber vor zweitausend Jahren die Hirten erwartet, als sie das Kind in der Krippe gefunden haben, in einer Höhle, die vielleicht noch kurz zuvor von Schafen benutzt wurde. Trotz der Geburt eines kleinen Kindes wird man nicht davon ausgehen können, dass hier sterile Reinheit geherrscht hat.

Josef und Maria hatten dem kleinen Kind nur wenig zu bieten, zumindest von außen betrachtet. Eine alte Holzkrippe in einer verlassenen Behausung, die nicht einmal mehr für die Tiere gut genug war. Der Gestank muss selbst für die hartgesottenen Hirten nur schwer zu ertragen gewesen sein.

Aber das alles ist nicht Thema in der Begegnung der Hirten mit dem Kind.

Wenn wir in ein schlecht gepflegtes Haus kommen, das von Menschen bewohnt wird, dann nehmen wir vielleicht noch vor dem Menschen wahr, dass es stinkt und dass nicht aufgeräumt ist. Der Mensch scheint im Müll unterzugehen oder wenig Beachtung zu finden.

Wie oft stinkt uns etwas im Leben der anderen, es passt uns nicht in den Kram, dass ein Mensch sein Leben so gestaltet, wie es uns nicht passt. Bevor wir anfangen uns mit dem Menschen auseinanderzusetzen, ist er eigentlich schon abgehakt.

Man stelle sich vor, die Hirten hätten am Eingang der Behausung Jesu sich schon naserümpfend abgedreht und sich geweigert, in so ein Dreckloch reinzugehen. Hätte sich das Ereignis herumgesprochen? Würden wir dann heute davon erzählen?
Warum lässt das Gott überhaupt zu, dass dieses Kind in solch erbärmlichen Verhältnissen hausen muss? Ganz so übertreiben hätte er es doch nicht müssen!?

Das Kind in der Krippe setzt ein Zeichen. Gott mutet es uns zu, dass wir lernen, dass seine Liebe vor nichts halt macht. Die Würde eines menschlichen Lebens hängt nicht vom guten Geruch, von der Sauberkeit, von einer besonderen Würde ab.
Der Mensch, so wie er ist, erfährt Beachtung. Es gibt keinen Unterschied in der Behandlung, keine first - class Liebe, die nur den Sauberen und Reichen zuteil wird und keine verminderte, bescheidenere Liebe für die Armen.

Gott setzt uns mit dem Kind in der Krippe ein Zeichen, dass es für die Liebe keine Ausrede gibt. Weder der Neid auf den, der mehr hat, noch die Arroganz dessen, der sich dem anderen gegenüber erhaben fühlt. Keiner ist besser, jeder hat die gleiche Liebe verdient und auch den gleichen Respekt.

Gott wird Mensch und das heißt für ihn, dass er als Schöpfer respektvoll mit seinen Geschöpfen umgehen will. Er zeigt uns, mit welchem Respekt wir auch einander behandeln sollen.

Weihnachten ist daher eine geruchsneutrale Zone. Wir dürfen uns nicht blenden lassen von äußerem Glanz, von der Glorie und dem Heiligenschein, mit dem sich immer wieder Menschen vor anderen herausstellen wollen.

Der Geruchssinn kommt bei den Hirten gar nicht zum Zug, weil die anderen Eindrücke ihre Sinne überwältigt haben. In dem kleinen Kind haben sie die Rettung der Welt gesehen. Das Licht für die Menschen war eine kleine Leuchte aus den strahlenden Augen des Kindes das Jesus heißt. Sie sahen und sie glaubten, dass Gott diese Welt nicht verlassen hat und nicht verlassen wird. Sie haben diesen Gott erfahren als Lebenselixier für ihren Lebensalltag.
Gott wird klein und ein Mensch und entfaltet so im Kleinsein erst seine wahre Größe.

Ein Zeichen für uns, das Kleine, Unscheinbare und wenig Beachtete so ernst zu nehmen wie alle sogenannten Großen unserer Zeit.
Wenn wir im Gegenüber den Menschen so wie das Kind in der Krippe als Geschenk Gottes begreifen, dann erleben wir Weihnachten. Dann lernen wir was es heißt, selbst Mensch zu sein und Menschen zu begegnen, ganz gleich ob symphatisch oder unsymphatisch, wohlriechend oder eher streng, gesund oder krank.
Entscheidend ist, dass wir diese Liebe, die Gott jedem von uns ganz persönlich  schenkt, nicht egoistisch für uns behalten, sondern großzügig an jeden austeilen, der von uns ein Stück abbekommen möchte. Denn nichts ist vergeblich, vor allem nicht die Liebe, die wir schenken.

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