Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts

Predigt am Gründonnerstag

Rechtenbach, 8.4.2004

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Der französische Bischof Jacques Gaillot, der sich nicht zu schade war, immer wieder auch das Gespräch mit denen zu suchen, die von der Gesellschaft eher geächtet sind, stellte einmal fest: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts!“

Eine provozierende These, die an uns ergeht, wenn wir den Blick auf unsere eigene Kirchlichkeit lenken und uns die Frage stellen müssen, ob unser Kirchesein dienende Züge hat.

Nicht selten wird beim Thema Kirche immer wieder der Vorwurf laut, dass es denen, die zur Kirche gehören, nur um Selbstdarstellung geht, um die Erfüllung persönlicher Eitelkeiten oder um „Schein“-Heiligkeit, die sich so dokumentiert, dass man zwar in die Kirche geht, den Gottesdienst besucht, aber kaum durch eine persönliche christliche Lebensgestaltung im Umgang mit anderen überzeugt.

Dieser Vorwurf trifft aber nicht nur diejenigen in der Kirche, die durch ein Amt zur Hierarchie gehören. Jeder muss sich diesem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass sein gelebtes christliches Zeugnis nur schwer das Bild einer dienenden Kirche veranschaulicht.

Um seinen Jüngern deutlich zu machen, wie wichtig für das christliche Leben die Bereitschaft zum Dienst an anderen ist, wird Jesus selber zum Diener. Er beginnt seinen Jüngern die Füße zu waschen. Eine Aufgabe, die eigentlich den niedrigsten unter allen Menschen, den Sklaven, vorbehalten war. Von daher haben wir auch Verständnis für Petrus und seine Aufregung, dass Jesus ihm unmöglich diesen Dienst erweisen kann. Schließlich ist Jesus ja der Meister und er Petrus regt sich auf über die Unverfrorenheit der anderen Jünger vor ihm, die diese Handlung Jesu zulassen. Was bilden die sich ein, sich von ihm die Füße waschen zu lassen?

Jesus hat Verständnis für die Reaktion des Petrus. Er kennt ihn schon lange genug und weist ihn darauf hin, dass er es eben noch nicht verstehen kann. Aber der Apostel bleibt hartnäckig: Niemals soll Jesus ihm die Füße waschen.

Und jetzt geschieht etwas, das Petrus schockiert. Jesus wird deutlicher. Wahrscheinlich spürt Petrus allmählich, dass es um mehr geht als um das Waschen der Füße. Es wird grundsätzlich.

„Wenn du dir nicht von mir die Füße waschen lässt, gehörst du nicht zu mir!“

Noch einmal verwendet Petrus für sich das Wörtchen „niemals“, diesmal aber in einem anderen Zusammenhang: Niemals wird er Jesus die Freundschaft aufkündigen wollen. Er spürt, dass der Dienst Jesu an ihm eine Zeichenhandlung ist, die zur Nachahmung auffordert. Der Hinweis Jesu, dass die Jünger aneinander genauso handeln sollen, wird dem ersten der Apostel jetzt endlich klar und er stellt sich seinem Meister nun mit Haut und Haaren zur Verfügung. Wenn die Gemeinschaft der Jünger in der Nachfolge Jesu eine dienende Gemeinschaft sein soll, dann will er sich dem Willen Jesu mit Kopf, Herz, Hand und Füßen verschreiben.

Wenn wir heute als christliche Gemeinschaft diesen Gründonnerstag feiern, nimmt uns Jesus in der Fußwaschung in die Pflicht. Nicht nur der Pfarrer wäscht heute den Kommunionkindern die Füße. Jesus wäscht damit einem jeden von uns die Füße und weist uns eindringlich darauf hin, dass wir als seine Kirche nur Zukunft haben, wenn wir bereit sind als  Menschen füreinander auch einmal Drecksarbeit zu leisten.

Dienen heißt nicht in Glanz und Glorie zu erscheinen. Dienen heißt nicht auf den Applaus zu warten für jedes Engagement. Dienen heißt nicht eine Kirche auszubauen, herzurichten oder zu renovieren ohne Respekt vor der Meinung anderer zu haben.

Wenn wir nicht nur von der Sehnsucht nach einer lebendigen Kirche träumen wollen, sondern die Zukunft einer christlichen Gesellschaft wirklich wollen, dann geht das nicht ohne füreinander da zu sein. Eine Kirche der Zukunft, so wie Jesus sie will, muss eine dienende sein, sonst dient sie wirklich zu nichts.

Neben den äußeren Veränderungen, die eine Kirche immer wieder braucht, ist auch die innere Veränderung lebensnotwendig. Es bringt niemandem etwas, wenn etwas einfach nur gebaut wird, damit es halt da steht. Kirche braucht die Veränderung von innen. Jesus wird nicht lebendig in einer Vermehrung von Bauwerken, die aus sich heraus nur totes Mauerwerk sind. Jesus wird lebendig, wenn wir ihn in unser Herz einziehen lassen, wenn wir ihm zugestehen, dass er uns verändern darf.

Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.

Wie gehen wir aber mit denen um, die unser Angebot zum Dienen verächtlich abtun?

Die Heilige Terese von Lisieux hatte diese Erfahrung machen müssen, als sie als nicht mal 16jährige in den strengen Orden der Karmeliterinnen eintrat. Durch ihre liebevolle und dienstbereite Art hatte sie auch den Neid einer älteren Mitschwester auf sich gezogen, von der sie immer besonders barsch behandelt wurde. Statt ihrer überdrüssig zu werden, bot sie ihr besonders intensiv ihren Dienst an und sie bemühte sich ihr gegenüber besonders freundlich zu sein. Nur so gelang es ihr das Herz der älteren Ordensfrau aufzuschließen und sprengte mit ihrer Liebenswürdigkeit die rauhe Schale.

Wer nur stur auf sein Recht beharrt, wird vielleicht auch sein Recht bekommen, aber nicht das Herz der Menschen. Nur im Dienen und sich selbst verschenken werden wir gewinnen. Deshalb sollen auch wir so handeln, wie Jesus an uns handelt. Nur so wird eine dienende Kirche den Menschen - und damit ist jeder von uns gemeint -  dienen.

 

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