Ein Weg zu einer neuen Menschlichkeit

Predigt am Heiligabend - Lesejahr C
Evangelium: Lk 2, 1-14
Rechtenbach 24.12.2006

 

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Friedens. Es ist das Fest, an dem sich die Familien treffen. Alle sehnen sich nach einer schönen Feier und was die Harmonie trüben könnte, wird als außerordentlich störend empfunden.

Aber stimmt das wirklich? Können wir Weihnachten wirklich als Fest der Liebe feiern? Ist es wirklich ein Fest des Friedens und der Harmonie?

Es gibt so vieles, was ein unbeschwertes Weihnachtsfest manchmal trüben möchte:

Es bedrückt den einen, dass er gerade in diesen Tagen schmerzvoll an den Verlust eines geliebten Menschen erinnert wird. Ein Mensch, der jahrelang zur Gemeinschaft der Familie gehört hat und auf dessen Gegenwart man nun verzichten muss.

Es gibt da die Krankheit, die ein unbeschwertes Fest nicht aufkommen lässt, weil die Sorge um das Wohl eines Menschen die Festtagsfreude zu verdrängen droht.

Es ist da ein Ballast, den mancher mit sich herumschleppt, weil das harmonische Familienleben schon lange in Vergessenheit geraten ist. Es tut weh, mit Brüchen der Familiengemeinschaft zu leben.
…und manch einer ist vielleicht ganz allein und leidet unter dieser Einsamkeit!?

Weihnachten, ein Fest der Liebe, des Friedens und der Familie?

Die Wirklichkeit scheint bei genauer Betrachtung ganz anders auszusehen, und wir tendieren dann dazu, Gott Vorwürfe zu machen, warum er es auf Weihnachten zu nicht besser für uns organisiert hat!

Doch was macht denn den Zauber dieser Nacht eigentlich aus? Es kann doch nicht sein, dass ein paar Weihnachtsbäume, viele Geschenke, ein Festtagsbraten und festliche Kleidung alles ist?

Weihnachten – und das vergessen wir oft in unserem Wohlstand – Weihnachten ist vor allem ein Fest der Armut und der Menschlichkeit.

Jesus, der Sohn Gottes, kommt nicht in einem Krankenhaus zur Welt, geschweige denn, dass ein medizinisches Personal anwesend wäre. Noch nicht mal in einer Herberge finden Maria und Josef ein Zimmer. Wie herzlos müssen die Menschen sein, wenn sie eine hochschwangere Frau draußen in der Kälte stehen lassen.

„Das ist doch nicht mein Problem, wenn die kein Zimmer finden. Das hätten sie halt besser organisieren sollen!“ Solche Gedanken sind sicherlich nicht 2000 Jahre alt. Mit der Herzlosigkeit und Unmenschlichkeit solcher Einstellungen werden wir auch heute immer wieder konfrontiert.

Gott hat mit der Menschenwerdung des Sohnes die Armut und die primitive Behausung einem Palast und königlichem Gefolge vorgezogen. Deshalb feiern wir heute Nacht die Menschwerdung Gottes in großer Freude, weil er von Anfang an auch in die Untiefen menschlicher Unkultur hinabgestiegen ist.

Gott ekelt sich nicht vor einer dreckigen Futterkrippe. Er setzt sich sogar der Unfreundlichkeit der Menschen aus, er erfährt Ablehnung und Verachtung. Er wird Mensch in aller Schwachheit, im Kleinsein eines Kindes, in der ganzen Zerbrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit. Gott setzt sich uns Menschen aus, weil wir ihm unendlich wichtig und wertvoll sind.

Weihnachten ist das Fest, in dem Gott durch seine Menschwerdung dem Begriff Menschlichkeit einen neuen, positiven Klang gibt. Das Kind fordert uns heraus, es zu schützen und zu umsorgen, zärtliche Gefühle zu pflegen und Liebe zu geben. Ein Kind finden wir süß, goldig und liebenswert. Es lockt Gefühle aus uns heraus, die wir vielleicht schon lange in uns verborgen haben, weil viele negativen Erfahrungen unseres Lebens uns vergessen lassen, dass das wichtigste im Leben die Liebe ist.

Gott zeigt uns in der Geburt Jesu, wie groß seine Liebe zu uns Menschen ist und stellt uns eindringlich vor Augen, dass menschliches Handeln immer von der Liebe getragen sein muss.

Die Feiern in der Familie sind wichtig, Geschenke können die Liebe zueinander ausdrücken, die verschiedenen Bräuche und Traditionen schärfen unseren Blick auf den Ursprung des Weihnachtsfestes der biblischen Erzählungen.
Wichtig bleibt, dass wir in diesem Fest den Weg zu einer herzlichen, liebevollen Menschlichkeit finden, und dass es uns deutlich bewusst wird, dass der Mensch – wir selber und die anderen – das wertvollste Geschenk ist, dass Gott uns in die Hand gegeben hat und den es immer sorgsam zu behandeln gilt.

 

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