"Aus Liebe leiden"

Karfreitag 2004

 

„Wer diesen Film sieht, der geht nicht unberührt nach Hause!“
Diesen Kommentar hörte ich von jemandem, der den Film Passion Christi vor kurzem im Kino gesehen hat. „Es geht unter die Haut!“ sagte er mir noch.
Wenn wir in der Passionserzählung das Schlagen des Hammers auf die Nägel hören, dann kann es uns ebenso einen Schauer über den Rücken jagen, weil wir plötzlich entdecken, dass es um mehr geht als das jährliche Ritual des Erzählens einer Leidensgeschichte.

Der Tod Jesu am Kreuz berührt uns, er geht unter die Haut, weil in diesem Geschehen, in seiner Passion, jeder von uns Teilnehmer ist.

Wieso lässt Gott so was zu? Wieso greift er nicht ein um die Grausamkeit zu verhindern? Wieso lässt Gott sich am Kreuz abschlachten?

Bis vor dem Film von Mel Gibson durften wir vielleicht fast froh sein, nicht zu viel über die Details einer Kreuzigung zu wissen. Jetzt wird uns aber schonungslos die Brutalität des Geschehens vor Augen geführt. Es fällt noch schwerer zu begreifen, warum Gott, der Schöpfer des Lebens und der Inbegriff der Liebe, das alles an seinem eingeborenen Sohn zulässt. Kann das Liebe sein?

Ebenso wenig wie das zahlreiche Leiden in unserer Welt ist das Leiden des Gottessohnes am Kreuz zu verstehen. Es muss aus menschlichen Augen betrachtet sinnlos sein.
Jesus selber ringt ja noch am Ölberg mit seinem Weg, den er zu gehen hat. Er spürt die Konsequenz seiner radikalen  Liebe und was es von ihm abverlangen wird. Aber muss das sein, dieses Ende?

Was wäre, wenn Gott dem Leiden Jesu eine Grenze gesetzt hätte: „So weit könnt ihr gehen, aber nicht mehr weiter.“
Aber wenn Jesus in die Tiefe des ganzen Menschen eintaucht, dann darf es eben auch keine Grenze geben. Gott würde den Menschen sonst nicht bis in die Tiefe des Leids ernst nehmen können, würde sein Sohn nicht bis an die Grenzen des Schmerzes menschlichen Elends gehen.

Es bleibt in seinem Sterben am Kreuz noch ein wichtiges Erbe zu vermachen. In seinem Todeskampf weist er den Jünger unter dem Kreuz auf seine Mutter hin und seine Mutter auf den Jünger, der ihr von nun an wie ein Sohn anvertraut ist.

Die Botschaft ist klar: Achtet aufeinander, seid füreinander da, vor allem in den schweren Zeiten eures Lebens. Auch im größten Leid dürft ihr niemals vergessen, dass ihr Menschen füreinander und nicht gegeneinander seid.

Wo euch alles genommen wird, dürft ihr euch eure menschliche Sorge niemals nehmen lassen.

Auch wenn sonst unser Glaube an Gott lasch, lau oder nur ganz schwach ist, so dürfen wir uns von seinem Leiden mit uns Menschen mitreißen lassen. Was uns überzeugt sind nicht schöne Worte oder herzlose Taten.

Wir dürfen uns berühren lassen von der Konsequenz eines Handelns wie Jesus es uns in einmaliger Weise vorlebt. Er hat seine Angst vor Schmerz und Tod überwunden, weil seine Liebe einfach größer war. Wir brauchen nicht mehr zu fragen, wie weit seine Liebe zu uns Menschen geht. Ein Gott, der sogar in den tiefsten Abgrund der menschlichen Hölle hineingeht, zeigt uns, wie bedingungslos er für uns da sein will.

Da zeigt sich der Sinn des Leidens. Es ist der Blick auf eine Liebe, die größer nicht sein kann.
Mit seinem Sterben hat er ein Fundament für die Liebe gesetzt.

Es ist unsere Aufgabe an diesem Reich der Liebe weiterzubauen.
Es ist unser Auftrag, nicht zu schnell zu verzagen oder klein beizugeben.
Es ist unsere Verantwortung der Liebe ein Gesicht zu geben, selbst wenn es uns weh tun mag.

An Karfreitag dürfen wir nicht unberührt nach Hause gehen, die Liebe Gottes will uns ins Herz treffen, unter die Haut gehen, damit auch wir füreinander Sorge tragen, auch dann noch, wenn es uns manchmal schwer fällt.

 

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